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Der 12. September: Europäischer Kopfschmerz- und Migränetag

Migräne ist weder neu noch eine Modeerkrankung: Bereits 3000 v. Chr. wurde eine Kombination aus Augen- und Kopfkrankheit beschrieben – möglicherweise eine Migräne mit Aura. Doch was ist der Stand der Dinge heute? Welche Theorien zur Krankheitsentstehung werden aktuell diskutiert, wo setzen neue Medikamente an und warum gibt es Migräne überhaupt?

 

Migräne – Mehr als Kopfschmerz

Die meisten Menschen denken bei dem Stichwort Migräne wahrscheinlich zuerst an Kopfschmerzen. Diese sind zwar in den meisten Fällen das Hauptsymptom, werden aber meist von weiteren Beschwerden wie Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, starker Licht- oder Lärmempfindlichkeit begleitet. Dabei ist auch nicht jeder Migräneanfall gleich: Die Intensität aller Symptome kann von Mal zu Mal unterschiedlich sein. Unbehandelt kann eine Attacke zwischen 4 und 72 Stunden dauern. Als Hauptsymptom steht  der Kopfschmerz im Fokus von Forschung und Medizin.

Wie entsteht Kopfschmerz?

Es klingt widersprüchlich: Schmerz wird im Gehirn verarbeitet und wahrgenommen, das Gehirn selbst ist aber nicht schmerzempfindlich. Zusammen mit dem Rückenmark ist das Gehirn von den sogenannten Hirnhäuten umgeben. Ganz außen liegt die harte Hirnhaut, die sogenannte Dura mater. Sie wird von eigenen Blutgefäßen versorgt. Bei Schädeloperationen in den 1940er Jahren fand man heraus, dass die Reizung der Dura mater in der Nähe dieser Blutgefäße Kopfschmerzen hervorruft. Das liegt daran, dass die Gefäße der Dura mater von Nervenfasern begleitet werden, die Schmerz wahrnehmen können.

Diese Nervenfasern werden auch als trigeminovaskuläres System bezeichnet, denn sie sind Teil des Nervus trigeminus, der große Teile des Kopfes und auch das Gesicht versorgt. Dieser Nerv steuert einerseits Muskeln, beispielsweise die Kaumuskulatur, andererseits nehmen wir über ihn Berührung und Schmerz im Gesicht und am Kopf wahr. Aus diesem Grund spielen der Nervus trigeminus und seine Verschaltung mit anderen Nervenbahnen im Gehirn wahrscheinlich eine große Rolle in der Entstehung von Kopfschmerzen und insbesondere von Migräneattacken. Aber wie und warum werden diese Nerven gereizt?

Theorien über Theorien

Da Migränekopfschmerz oft eine pulsierende Qualität hat, lag die Vermutung nahe, dass er durch erweiterte Blutgefäße an der Hirnhaut ausgelöst wird. Der entstehende Druck würde, so die Theorie, die umliegenden Nervenfasern mechanisch reizen. Unterstützt wurde diese Idee dadurch, dass bestimmte gefäßerweiternde Medikamente bei Versuchspersonen Kopfschmerz auslösen können. Einer dieser Stoffe ist das Calcitonin Gene Related Peptide, kurz CGRP.

Interessanterweise ist die gefäßerweiternde Wirkung von CGRP allein aber nicht besonders groß und andere Wirkstoffe, die die Gefäße stärker erweitern, rufen keinen Kopfschmerz hervor. Bei spontan auftretenden Migräneattacken sind die Gefäße der Hirnhaut außerdem nicht erweitert und Migränekopfschmerz pulsiert meist nicht im selben Rhythmus wie der Herzschlag der Versuchsperson.

In den 1980er Jahren entwickelte sich deshalb die Entzündungs-Hypothese:

Eine Entzündung ist normalerweise eine Abwehrreaktion gegen mögliche Krankheitserreger, sie kann aber auch ohne eine Verletzung oder Infektion entstehen. Weil Migräneattacken zum Teil erfolgreich mit entzündungshemmenden Medikamenten behandelt werden konnten, schien diese Idee vielversprechend. Von den vielen unterschiedlichen Botenstoffen, die normalerweise im Rahmen einer Entzündung ausgeschüttet werden, konnte im Gehirn von Migränepatient*innen allerdings nur CGRP nachgewiesen werden. Auch wäre zu erwarten, dass eine Entzündung, die über Jahre hinweg immer wieder auftritt, sichtbare Spuren im Gehirn hinterlässt – diese Spuren fehlen allerdings.

Was die Forschung heute denkt

Obwohl die Migränekopfschmerzen mit großer Sicherheit an den Blutgefäßen der Hirnhaut entstehen, wird Migräne von vielen Fachleuten heute als rein neurologische Erkrankung betrachtet, als sogenannter „brain state“, also eine inhärente Eigenschaft des Gehirns, die es für diese Form von Kopfschmerz anfällig macht. Es wird vermutet, dass migräneanfällige Gehirne – unabhängig von den eigentlichen Attacken – anders auf Reize von außen reagieren. Zum Teil werden sie als „over-responding“ beschrieben, ihre Reaktion auf externe Reize wie Licht, Schall, Berührungen oder Gerüche fällt also intensiver aus.

Einige Strukturen im Gehirn sind bei Migränepatient*innen tatsächlich anders, zum Beispiel weniger aktiv, als bei Menschen ohne Migräne. Häufig sind das Bereiche, die Schmerzsignale verarbeiten oder die mit dem Nervus trigeminus in Verbindung stehen. Eine geringere Aktivität in diesen Teilen des Gehirns könnte beispielsweise dazu führen, dass der Nervus trigeminus stärker erregbar ist und Schmerzsignale weniger abgedämpft werden.

Eine aktuell diskutierte Theorie zur Migräneentstehung ist die sogenannte periphere und zentrale Sensitivierung. Das zentrale Nervensystem umfasst Gehirn und Rückenmark, während alle Nervenbahnen außerhalb dieser beiden Strukturen als peripher gelten. Die Reaktion auf einen Reiz, beispielsweise eine Berührung oder ein Geräusch, wird normalerweise schwächer, je öfter der Reiz auftritt: Das Gehirn gewöhnt sich daran. Diese sogenannte Habitualisierung steht im Gegensatz zur Sensitivierung, bei der die Reaktion auf einen sich wiederholenden Reiz immer stärker wird. Sensitivierung ist ein häufiges Phänomen bei chronischen Schmerzerkrankungen und könnte erklären, warum Migräneattacken über Stunden anhalten können und warum sich die Frequenz der Attacken bei manchen Patient*innen mit der Zeit erhöhen kann. Eine Sensitivierung des trigeminovaskulären Systems wird auch mit einer hohen Empfindlichkeit gegenüber Erschütterungen in Verbindung gebracht. Das könnte erklären, warum selbst leichte Bewegungen wie die beim Treppensteigen oder Husten die Kopfschmerzen bei Migräne verschlimmern können.

Chronische vs. episodische Migräne

Ein wesentlicher Aspekt von Migräne ist der Übergang von einer episodischen in eine chronische Form. Die Einteilung wurde nach rein klinischen Gesichtspunkten getroffen: Bestehen über mehr als drei Monate an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen, die an 8 oder mehr Tagen die Merkmale einer Migräne aufweisen, gilt die Migräne per Definition als chronisch.

Forschende bemängeln, dass diese recht willkürliche Einteilung wesentliche Aspekte der Erkrankung nicht berücksichtigt, etwa die Frage, ob die Schmerztage über eine längere Zeit häufiger werden oder ob ihre Zahl gleichbleibt. Die US-amerikanische Studie SunStar mit etwa 700 Teilnehmer*innen befasst sich aktuell mit genau diesem Thema. Bildgebende Verfahren, Blutuntersuchungen, genetische Analysen und weitere Parameter werden herangezogen, um herauszufinden, warum Migräne bei manchen Menschen chronisch wird.

Beobachtungsstudien wie diese stoßen immer wieder auf ähnliche Probleme: Zum einen ist Migräne auf allen Kontinenten und in allen Gesellschaften verbreitet. Ca. 10 % der Weltbevölkerung leiden an Migräne, Frauen dabei etwa dreimal so häufig wie Männer. Angesichts der Häufigkeit ist es schwierig, Kontrollpersonen zu finden, die mit Sicherheit keine Migräne haben oder in Zukunft entwickeln könnten. Zum anderen ist in vielen Fällen unklar, ob Veränderungen der Hirnstruktur, besonders bei chronischer Migräne, eine Voraussetzung für die Erkrankung oder aber ihre Folge sind.

Ein Beispiel: Bei Menschen mit chronischer Migräne ist die Amygdala, eine Hirnstruktur die stark mit dem Angstempfinden verbunden ist, sichtbar vergrößert. Eine mögliche Erklärung ist, dass die ständige Angst vor einer Kopfschmerzattacke bei chronischer Migräne die Amygdala trainiert und sie wachsen lässt. Aber auch der umgekehrte Weg ist möglich: Eine von vorneherein vergrößerte Amygdala könnte Menschen anfälliger für eine Chronifizierung der Migräne machen.

Trigger, Aura und Prodromalsymptome

Migräneattacken beginnen nicht immer mit Kopfschmerzen, sondern können sich bereits viel früher mit sogenannten Vorboten- oder Prodromalsymptomen bemerkbar machen. Viele Betroffene berichten unter anderem von Stimmungsschwankungen, Müdigkeit, Wortfindungsstörungen oder Übelkeit, die dem Kopfschmerz vorausgehen können.

Eine besondere Symptomatik, die dem Kopfschmerz vorausgehen kann, ist die sogenannte Aura. Sie tritt bei etwa einem Viertel der Migränepatient*innen auf und äußert sich oft durch Sehstörungen oder andere veränderte Sinneswahrnehmungen. Welche Rolle die Aura im Verlauf einer Migräneattacke spielt, ist noch unklar. Interessanterweise kann der Wirkstoff Lamotrigin Migräneanfälle mit Aura verringern, solche ohne Aura aber nicht.

Eine gängige Annahme ist außerdem, dass Migräneattacken durch bestimmte Trigger ausgelöst werden können. Dazu zählen beispielsweise Hunger, Schlafmangel oder zu helles Licht. Manche Wissenschaftler*innen vermuten, dass einige dieser Trigger bereits Symptome einer laufenden Migräneattacke sein könnten. Die Erforschung dieser früher Symptome und Triggerfaktoren gestaltet sich schwierig, könnte das Wissen über die Ursprünge einer Migräneattacken jedoch deutlich erweitern und Möglichkeiten für eine früh ansetzende Behandlung schaffen.

CGRP: Ein zentrales Molekül

Das Calcitonin Gene Related Peptide (CGRP) ist ein sehr kleines Molekül aus der Stoffklasse der Proteine, das an vielen Prozessen im menschlichen Körper beteiligt ist. In der Entstehung von Migräne kommt CGRP eine Schlüsselrolle zu: Das Peptid wird unter anderem im trigeminovaskulären System hergestellt, also in den Nervenzellen, die die Blutgefäße im Schädel und an den Hirnhäuten versorgen. Während einer Migräneattacke werden dort große Mengen CGRP ins Blut und in den Raum um die Gefäße herum abgegeben. In der Folge erweitern sich die Gefäße leicht und die schmerzempfindlichen Nervenfasern werden aktiviert. Umgekehrt konnten Infusionen mit CGRP bei Migränepatient*innen Attacken auslösen. Der genaue Mechanismus scheint noch nicht bekannt zu sein, aber die offensichtlich wichtige Rolle von CGRP im Verlauf von Migräneattacken macht es zu einem wichtigen Ziel für Migränemedikamente. Außerdem könnte es erklären, warum Frauen deutlich häufiger von Migräne betroffen sind als Männer.

Warum sind Frauen häufiger von Migräne betroffen?

Migräne ist bei Erwachsenen sehr ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt: Etwa eine von fünf Frauen ist betroffen, bei den Männern ist es nur einer von siebzehn. Vor der Pubertät ist dieser Unterschied noch nicht vorhanden. Doch woran liegt das?

Hormonelle Schwankungen begünstigen Migräneattacken, das gilt besonders für Schwankungen im Östrogenhaushalt. Mit der ersten Regelblutung beginnt bei Mädchen und jungen Frauen der zyklische Anstieg und Abfall des Östrogenlevels im Blut – und damit erleben einige auch ihre erste Migräneattacke. 60 % der Frauen mit Migräne bringen ihre Beschwerden in Zusammenhang mit ihrer Menstruation und auch Schwangerschaft und Menopause haben großen Einfluss auf das Auftreten von Migräneattacken. Interessanterweise steigt auch bei trans* Frauen, die eine Hormontherapie mit Östrogen machen, die Wahrscheinlichkeit für Migräne an.

Frauen haben zudem generell etwas höhere CGRP-Spiegel. Außerdem sind im trigeminovaskulären System zahlreiche Rezeptoren für Sexualhormone vorhanden. Bindet Östrogen an diese Rezeptoren, wird dadurch die Empfindlichkeit des Systems für CGRP moduliert. Hohe, stabile Östrogenlevel wie etwa in der Schwangerschaft oder in bestimmten Zyklusphasen scheinen dabei vor Migräneanfällen zu schützen. Ist der Östrogenspiegel niedrig, beispielsweise in der Zeit der Regelblutung oder wenn hormonell verhütet wird, reagieren die schmerzempfindlichen Nervenfasern stärker auf CGRP. In der Menopause sinken sowohl die Östrogen- als auch die CGRP-Spiegel – häufig lassen dann auch die Migräneanfälle nach.

Wie wirken spezifische Migränemedikamente?

Mit den wechselnden Theorien zur Entstehung von Migräneanfällen wurden im Laufe der Zeit auch unterschiedliche Möglichkeiten zur medikamentösen Behandlung der Migräne in Betracht gezogen, etwa entzündungshemmende oder gefäßverengende Wirkstoffe.

Die Entdeckung von CGRP als Schlüsselmolekül hat neue Möglichkeiten für die Migränetherapie eröffnet: Die Wirkweise bewährter Medikamente konnte damit besser erklärt werden und das Molekül dient als Ansatzpunkt neuartiger Wirkstoffe. Die bekannteste Gruppe der Migränemedikamente sind die sogenannten Triptane. Sie wirken wahrscheinlich dadurch, dass sie an Serotoninrezeptoren binden und so die Ausschüttung von CGRP hemmen. Ihre gefäßverengende sowie entzündungshemmende Wirkung spielen vermutlich eine untergeordnete Rolle. Die sogenannten Gepante wirken direkt an den Rezeptoren für CGRP und verhindern, dass dieses seine Wirkung entfaltet. Direkte Vergleichsstudien mit Triptanen wurden bisher nicht durchgeführt. Gepante sowie Antikörper gegen CGRP werden darüber hinaus zur Prophylaxe von Migräneanfällen eingesetzt.

Eine gute Versorgung (nicht nur) mit wirksamen Medikamenten birgt angesichts erheblicher sozialer und wirtschaftlicher Einbußen durch Migräne erhebliches Potenzial.

Wieso gibt es Migräne? Ein Blick in die Evolutionsbiologie

Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, litt sehr wahrscheinlich an Migräne. Angesichts der hohen Zahl von Migränepatient*innen über Kontinente und Jahrtausende hinweg stellt sich die Frage, ob Migräne in einen evolutionsbiologischen Kontext gesetzt werden kann.

Könnten die strukturellen Unterschiede im Gehirn, die Menschen anfällig für Migräneattacken machen, einen evolutionären Vorteil haben?

In einer Studie aus dem Jahr 2023 wird die These aufgestellt, dass Menschen mit Migräne Reize viel intensiver verarbeiten. In einer Umwelt, in der Menschen vielen Gefahren ausgesetzt waren, könnte diese ständige erhöhte Aufmerksamkeit einen Überlebensvorteil für die ganze Gruppe geboten haben. Um das Gehirn nicht zu überlasten, wären dieser Hypothese zufolge regelmäßige, reizarme Pausen notwendig. Den Migränekopfschmerz und die Begleitsymptome wie Hunger, Durst und Müdigkeit ordnete die Forschungsgruppe als Mechanismus ein, der die Erholung des Gehirns gewährleisten solle.

Die Vorstellung eines möglichen evolutionsbiologischen Nutzens, so die Annahme der Forschungsgruppe, könnte Migränebetroffenen helfen, ihre Erkrankung nicht als sinnlosen Schmerz wahrzunehmen, sondern sie als Eigenschaft ihres Gehirns anzunehmen. Den meisten Migränepatient*innen würde es aber vermutlich mehr nützen, wenn ihre Erkrankung innerhalb der Gesellschaft als solche gesehen und weniger stigmatisiert würde.

Quellen:
Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG): S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, Stand 08.08.2025. URL: https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-057; abgerufen 09.09.2026.
Evers S. Die Medizingeschichte der Migräne, o. J. Verfügbar unter https://www.migraeneliga.de/die-medizingeschichte-der-migraene/; abgerufen 07.09.2026.
Goadsby et al.  Physiol Rev 2017; 97: 553–622.
Labastida-Ramírez et al. Cephalalgia 2019; 39(3): 435–444.
Pensato et al. Cephalalgia 2023; 43(12): 1–8.
Savage N. Chronische Migräne – Auf Schmerzattacke folgt Schmerzattacke folgt Schmerzattacke, 05.05.2021. Verfügbar unter: https://www.spektrum.de/news/schmerzforschung-warum-migraene-chronisch-wird/1818788; abgerufen 08.09.2026.

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